Der Entfremdungsbegriff bei Rousseau
1. Einführung
„Entfremdung“ ist eine der zentralen Begriffen bei Rousseau, obwohl er dieses Wort in seinen Texten niemals benutzt. Wir finden eine detaillierte Beschreibung, fast eine Definition und den Lösungsversuch der Entfremdung, ohne selbst das Wort „Entfremdung“ zu hören.
„Entfremdung“ liegt in der Mitte einer Zivilisationstheorie der Menschheit. Rousseau fasst auf, dass die Geschichte der Menschengesellschaften die Tendenz zu einer Auflösung und Verfall hat. In unseren heutigen Kultur und Zivilisation haben wir staatliche Gesetze, eine Verfassung, Sicherheitsorgane, ein Rechtssystem und eine gut entwickelte Technologie, mit deren Hilfe viele Bedürfnisse der Individuen der Gesellschaft befriedigt werden können. Nach Rousseau haben aber diese Organe der modernen Gesellschaften ihre Funktionen verloren und sie stehen in einer gewissen Distanz und in einem Gegensatz zu Staatsbürgern.
Durch Empirie und Erfahrung sozialer, politischer und religiöser Veränderungen, die besonders mit derzeitigen Volksbewegungen und revolutionären Strömungen aufgetaucht waren, kommt Rousseau zur Kritik der –besonders französischen- Kultur und Zivilisation. Nach ihm befindet es sich Widersprüche zwischen Theorie und Praxis, Ursache und Resultat, Werkzeug und Funktion. Staat solle ein Werkzeug und Organ sein, der der Menschengesellschaft dient. Aber in der Neuzeit sei nicht der Staat im Dienst der Menschen, sondern die Menschen im Dienst des Staates.
Rousseau untersucht die Ursache dieses Verlusts der Funktion der gesellschaftlichen Organe und gibt uns eine wertvollen historischen Zivilisationsanalyse der Menschengesellschaften. Er beginnt ganz am Anfang mit dem Ursprung der Natur und der Naturmenschen und kommt bis zur Neuzeit. Am Ende erreicht er ein pessimistisches Ergebnis: Verfall und Untergang der Zivilisation.
Wir finden eine systematische Analyse der Entwicklungsgeschichte des Menschen von Anfang bis zur Neuzeit. Um den Anfang zu verstehen, stellt man die Frage, wie sich die Natur und der Mensch innerhalb dieser Natur strukturieren. Rousseau ergänzt den Naturbegriff mit zwei Aspekten: 1- Umgebende Natur, in der sich alle Lebewesen befinden; und 2- menschliche Natur, die ihre Eigenartigkeit hat und somit eine Verschiedenheit von Tieren gewinnt. Rousseau behauptet, dass der Mensch sich von den Tieren durch seine Vernunft und Freiheit unterscheidet. Sofern er denkt, ist er bewusst über das Leben und über seine Eigenständigkeit, was ihn glücklich und frei macht.
Nach der Verdeutlichung des Naturbegriffs finden wir bei Rousseau sein dreistufiges Entwicklungsschema der Zivilisation der Menschengesellschaften: 1- Der erste Naturzustand, in dem der Mensch fast wie ein Tier lebt und nur seine natürliche Bedürfnisse befriedigt; 2- Der zweite Naturzustand, in dem der Mensch durch Vernunft und somit Freiheit den Glück erreicht. 3- Die Phase der Vergesellschaft, in der der Mensch anders als in Naturzustand in künstlichen sozialen Formationen wie Familie, Gesellschaft, Gemeinschaft, Institutionen oder Kooperationen lebt. Vergesellschaftung zwingt den Mensch, mit den anderen zusammen zu leben und mitzuleiden, was der Natur des Menschen „fremd“ ist. Der soziale Mensch ist einer, der etwas in seiner eigenen Natur und Selbstheit unterdrückt.
Nachdem die Menschen angefangen haben, zusammenzuleben und die Arbeit in Ackerbau und Metallurgie miteinander zu teilen, sind sie zu einer anderen Stufe gekommen, die der menschlichen Natur nicht übereinstimmt, da es jetzt ein äußerlicher Unterdruck, Herrschaft und Regierung entstanden ist. Diese Herrschaftssituation bringt Unglück mit, der durch Ungleichheit und Unfreiheit entsteht.
Er kritisiert diesen Funktionsverlust der gesellschaftlichen Organe und will sie vom Kopf auf die Füße stellen. Er analysiert und beschreibt die Entwicklungsprozesse des Menschen. Aber daneben kritisiert und untersucht er eine mögliche Lösung gegen Entäußerung oder Entfremdung des Menschen. An dieser Stelle macht er Gedanken über „Rückkehr zur Natur“. Er ist in der Meinung, dass Menschen in dem zweiten Naturzustand glücklich waren. Das heißt, dass sie einmal frei und gleich miteinander gelebt haben. Die neuzeitliche moderne Gesellschaft hat den Mangel dieses Glücks, dieser Freiheit und Gleichheit. Er stellt die Frage, ob oder wie man zurück zum Naturzustand zurückkommen kann. Dann antwortet er seine Frage so, dass man den Verlauf der Geschicte nicht rückgängig machen kann und, dass man diese glückliche Phase der Menschen auf einer neuen zukünftigen Ebene bilden soll.
2.0. Entfremdung
Im Grunde ist Entfremdung kein wirklich vollendeter Zustand, sondern ein immer noch vorlaufender Prozess. Entfremdung ist keine Entäußertheit, sondern Entäußerung, Veränderung und Verwandlung. Wenn wir das Wort Fremdheit benutzt hätten, hätten wir einen Zustand gemeint. Aber bei Rousseau finden wir sowohl die Idee eines Zustandes als auch eines Prozesses.
Nach unserem Geschichtsverständis hat ein Ereignis einen Anfang und ein Ende. Verwandlung sozialer Strukturen würde man gewiss als „Prozess“ benennen, weil bestimmte gesellschaftliche geschichtliche Formen sich verändern und aus Komponente bestehen, die sowohl zum Alten als auch zum Neuen gehören, welche aber weder nur alt noch nur neu ist. Prozess ist eine dritte eigenständige Komponente, die teilweise zum Anfang und Ende gleichzeitig gehört.
Entfremdung besitzt mehr als die Bedeutung einer Veränderung oder Verwandlung. Sie besteht aus subjektive Werte auch. Entfremdung ist ein negativer und unerwünschter Prozess, weil man sich damit nicht mehr „wohl“ fühlt. Der Verlust bestimmter Sachen verursacht eine Einsamkeit und bringt das Bewusstsein und die Erkenntnis des Werts von Vorhandenem. Wir verstehen, dass das Ding A wertvoll ist, nachdem wir dieses Ding A verlieren. Ein Beispiel aus dem Alltag: Ein Freund von mir stirbt und ich verstehe dann, was für ein guter Freund er ist, nachdem ich ihn verloren habe.
Der rousseausche Entfremdungsbegriff ist aber weit fern von dem obigen Beispiel. Es geht bei Rousseau nicht um solche Mikroereignisse, sondern um gesamtgesellschaftliche Makroprozesse, die sich mit Mikrofälle in einem anderen Zusammenhang befinden. Für Rousseau ist Entfremdung nicht nur eine objektive und subjektive Tatsache, sondern sie ist auch kritisch und problematisch. Entfremdung ist selbstbezogen. Sie ist ein soziales, politisches und geschichtliches Problem und eine große Frage.
Damit meint er einen Prozess, dessen Ende vom Anfang getrennt und korrumpiert ist. In diesem Prozess hört die reziproke Beziehung zwischen Ursprung und Ende auf. Der Prozess verliert seine Brücke-Funktion zwischen Ursache und Resultat und es entsteht eine Kluft zwischen Urspung und Ende. Das Resultat gehört nicht mehr zu einem Anfang und besteht nicht mehr die Elemente, die ursprünglich zum Anfang gehören, sondern es gewinnt eine Eigenständigkeit und Selbstheit, die gegenüber dem Anfang und Urspung „fremd“ stehen.
Wir finden die ursprüngliche Untersuchungen der marxistischen Entfremdungstheorie, in der man das Problem im Zusammenhang von Produktionsverhältnissen ergänzt, was man bei Rousseau nicht ganz genau sehen kann. Trotzdem kann Rousseau mit einer marxschen Formulation besser verstanden werden. Marx erklärt uns die Entstehung der Produktionsverhältnisse durch die Entstehung der Einheit der Produktion. Diese Einheit der Produktion ist Werkzeug.
Es wird hilfreich sein, die Entfremdungsidee von Rousseau mit einer kurzen Beschreibung von Herstellung eines einfachen Werkzeuges zu verdeutlichen: Wir wollen ein Stück Fleisch essen. Um den Fleisch leicht essen und verdauen zu können, brauchen wir, den Fleisch in kleine Teile zu zerstückeln. Für diesen Zweck brauchen wir ein Werkzeug, das den Fleisch schneidet. Heute nennen wir dieses Werkzeug als „Messer“. Da wir den Messer in der umgebenden Natur nicht finden, müssen wir ihn herstellen. Wir müssen wissen, was für Materialen wir benutzen können, um den Messer herstellen zu können. Wir müssen auch die Form des Messers entwerfen. Er soll leicht benutzt werden können und nicht schnell kaputt werden.
Wir haben vor vielen Jahren den Messer hergestellt und seit dieser Zeit benutzen wir ihn im Alltag. Wir stellen den Messer immer noch zum Zweck des Essens her, weil wir immer noch den Essgebrauch haben. Obwohl Messer für diesen Zweck produziert wird, wird das auch gesehen, dass Messer nicht nur für Essen, sondern auch bei den kriminellen Fällen benutzt wird. Wir lesen in der Zeitung, dass ein betrunkener Man seine Frau gestochelt hat. Das ist natürlich eine neue „Funktion“ des Messers, die dem Sinn der Existenz des Menschen widerspricht. Essen ist eine der ersten Prämisse zum Überleben, aber man benutzt das Esswerkzeug, um einen Mensch zu töten.
Mit diesem letzten Beispiel sind wir eigentlich immer noch nicht sehr nah zum rousseauschen Entfremdungsbegriff, weil mit Ermordung der Menschen der Messer seine Essfunktion nicht verliert. Bei Rousseau handelt Entfremdung nicht ganz von Werkzeugherstellung, sondern eher von einem negativen Funktionsersatz. Rousseau spricht über generelle Begriffe wie Autorität, Regierung, Sicherheit oder Staat. Messer war eher ein partikuläres, aber kein zentrales Beispiel im Bezug auf unserem Thema.
Rousseau sagt, dass der Staat eine bestimmte Funktion hat, die der Natur des Menschen oder der menschlichen Natur widerspricht. Er ist in der Meinung, dass nicht der Staat der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft dem Staat dient und es eine Herrschafts- und Autoritätsbeziehung innerhalb von Gesellschaft vorhanden ist. Nach ihm ist fast alles, was zur menschlichen Zivilisation gehört, fremd zur menschlichen Natur, weil die Funktion von vielen gesellschaftlichen Organen den Mensch unglücklich macht, obwohl es eigentlich andersrum sein sollte. Der Dienst der Zivilisation und deren Organen sind „fremd“ zu ihren Funktionen, weil sie uns unglücklich machen.
Er behauptet nicht nur, dass wir unglücklich sind, sondern auch, dass wir nicht „mehr“ glücklich sind. Das heißt, dass es in der Zivilisationsgeschichte des Menschen eine glückliche Phase gab. Diese Phase wurde von den früheren Menschengesellschaften erlebt, als sie in Natur und zusammen mit Natur lebten. Natur ist der Anfang der Geschichte des Menschen. Er gewinnt seine Eigenheit innerhalb von Natur und in dieser Frühphase bleibt er „unfremd“ gegenüber Natur. Hier müssen wir fragen, was er von der „Natur“ versteht.
2.1. Naturbegriff bei Rousseau
Was meint Rousseau mit Natur? Damit meint er die außergesellschaftliche Lebensform von allen Lebewesen, die nicht von menschlicher Hand kontrolliert werden, sondern, welche unter den absoluten Gesetzen der Natur leben. Was nicht Gesellschaft ist, ist Natur. Was außer der künstlichen Menschengesellschaft steht, ist Natur oder gehört zur Natur. Menschengesellschaften stehen außerhalb von Natur. Sie sind „fremd“ gegenüber Natur.
Meint Rousseau, dass der Mensch, der die Gesellschaft bildet, nicht zur Natur gehört? Der ursrpüngliche, frühere Mensch war ein Teil der Natur, aber der neuzeitliche ist fremd und entfremdet gegenüber ihr. Dass der Mensch gegebüber Natur „fremd“ steht, ist ein Zustand, weil man damit die Endphase eines Prozesses beschreibt. Aber dass der Mensch „entfremdet“ ist, besitzt die Notion eines kontinuierlichen Prozesses. Das heißt, was wir in der Neuzeit in der Welt empirisch beobachten, hat einen historischen Hintergrund und Entfremdung hat eine geschichtliche Determinantenkette mit vielen anderen Ereignissen und Prozessen.
Die Naturfremdheit des Menschen existiert nicht apriorisch, sondern das ist die Endphase eines ganzen geschichtlichen Prozesses. Dieser Prozess beginnt in der Phase der Kulturen des früheren Menschen. Es gab eine Kulturphase, in der der Mensch tatsächlich ein Teil der Natur war. Jetzt befindet er sich aber in einer gewissen Distanz und Fremdheit gegenüber ihr. Wie können wir aber sagen, dass der Mensch einmal „natürlich“ war und jetzt naturfremd? Inwiefern ist der Mensch fremd gegenüber Natur?
2.1.1. Die Umgebende und die menschliche Natur und der Tier-Mensch-Unterschied
Die Frage der Natur des Menschen und die Beziehung zwischen Menschen und Natur zwingt uns, den Naturbegriff von Rousseau deutlich zu machen. Im ersten Augenblick hat er eine Konzeption von einer umgebenden Natur, in der sich alle Lebewesen befinden. Die Natur gibt sich alles um. Sie ist das zentrale Gesetz und die hauptsächliche Ordnung der ganzen Welt.
Die umgebende Natur ist, was um den Mensch positioniert ist. Sie besteht aus die Gesellschaft der Menschen und aller anderen Lebewesen. Das ist der Ursprung des Menschen seit dem Anfang der Geschichte der Menschheit. Sie ist derjenige Ort, wozu der Mensch ursprünglich gehört.
Neben den Menschengesellschaften gewinnt die umgebende Natur die Bedeutung der Tiergesellschaften, was den Ursprung und die Basis des Menschen symbolisiert. Tieren sind Instinktwesen, die keine Vernunft haben und deswegen nicht wissen können, was Sterben und Leben heißt. Weil sie die Wirklichkeit des Lebens und der Existenz kognitiv erkennen und verstehen können, sind sie nicht frei und nicht glücklich im Sinne des menschlichen Glücks. Der Glück für ein Tier ist nichts anders als Bedürfnisbefriedigung. Wenn ein Tier satt wird, ist es glücklich. Aber dieser Glück ist instinkt-zentiert und kann mit dem „Glück“ des Menschen nicht verglichen werden.
„Die Nacktheit, das Fehlen einer Wohnung und das Entbehren all jener unnützen Dinge, die wir für sie so notwendig halten, sind also weder ein so großes Unglück für diese ersten Menschen noch, vor allem, ein so großes Hindernis für ihre Erhaltung.“[1] „Allein, müßig und immer nah der Gefahr, muss der wilde Mensch gerne schlafen und einen leichten Schlaf haben, wie die Tiere, die wenig denken und sozusagen die ganze Zeit schlafen, in der sie nicht denken. Da seine eigene Erhaltung beinahe seine einzige Sorge ausmacht, müssen diejenigen seine am besten ausgebildeten Fähigkeiten sein, die den Angriff und die Verteidigung zu ihrem hauptsächlichen Gegenstand haben [...]. Die Organe [...], die sich nur durch Weichlichkeit und Sinnlichkeit vervollkommnen, müssen in einem Zustand der Rohigkeit bleiben, der jede Art von Feinheit bei ihm ausschließt; und da seine Sinne in diesem Punkt geteilt sind, wird er einen Tast- und einen Geschmacksinn von einer extremen Grobheit und einen Gesichts-, einen Gehör-, und einen Geruchssinn von der größten Subtilität haben. Dies ist der tierische Zustand im allgemeinen [...].“[2]
Der Mensch hat eine kompliziertere und komplexere Denksystematik und „Glück“ bedeutet für ihn das Denken und Freisein durch Bewusstsein. Der cartesianischer Ansatz nimmt Rousseau hier über und verbindet ihn mit dem Glück des Freiseins. Der Ursprung des Glücks ist nichts anders als Gleichheit und Freiheit. Die Natur des Menschen wird durch die umgebende Natur gestaltet und verformt. Sie hat viele gemeinsame Komponente mit der umgebenden Natur. In vielen Hinsichten ist sie identisch mit der umgebedenden Natur. Aber sie hat doch ihre eigene Innenstruktur. Der Mensch gehört zur Natur, aber er ist nicht völlig abhängig von der umgebenden Natur. Er hat die Fähigkeit, selbst zu entwickeln und perfektionieren, was Tiere nicht machen können.
„[Der] [...] Unterschied zwischen dem wilden und dem domestizierten Zustand beim Menschen noch größer sein muss als beim Tier; denn da das Tier und der Mensch von der Natur gleich behandelt worden sind, sind alle Annehmlichkeiten, die der Mensch sich mehr verschafft als den Tieren [...].“[3] „Jedes Tier hat Vorstellungen, da es Sinne hat; es verbindet seine Vorstellungen sogar bis zu einem gewissen Punkt miteinander, und der Mensch unterscheidet sich in dieser Hinsicht vom Tier nur graduell: Einige Philosophen haben sogar behauptet, dass sich ein bestimmter Mensch von einem anderen mehr unterscheide als ein bestimmter Mensch von einem bestimmten Tier. [...] Die Natur befiehlt jedem Lebewesen, und das Tier gehorcht. Der Mensch empfindet den gleichen Eindruck, aber er erkennt sich frei, nachzugeben oder zu widerstehen, und vor allem im Bewusstsein dieser Freiheit zeigt sich die Geistigkeit einer Seele [...].“[4]
Das Bewusstsein der Fähigkeit der “Perfektibilität”[5] des Menschen macht ihn frei. Der Maßstab der Freiheit des Menschen ist das Tier, das sich nur durch seine Instinkten verhält. Der Mensch ist überbegabt und in dem Sinne ist er eigentlich freier als das Tier. Das Tier kann nur überleben, aber der Mensch kann leben und an Natur beherrschen oder sie in gewissem Maße verformen und verändern.
Diese apriorische Eigennatur des Menschen macht ihn speziell und legt ihn auf eine andere Seite. Innerhalb von Naturstrukturen besitzt er seine eigene und eigenständige Innenkomponenten, die die Tiere nicht haben. Er hat alles, was Tiere haben. Aber Tiere haben nicht alles, was der Mensch besitzt. Einerseits gehört der Mensch zur Natur. Andererseits gibt es eine menschliche Natur, die von der umgebenden Natur teilweise isoliert ist. Im Vergleich zu Tieren hat der Mensch seine Selbstheit, Eigenheit und Selbstbezogenheit, die aber von der Natur nicht korrumpiert stehen.
„Der wilde Mensch, von der Natur dem bloßen Instinkt überlassen, oder vielmehr für den Instinkt, der ihm vielleicht fehlt, durch Fähigkeiten entschädigt, die ihm zunächst den Instinkt zu ersetzen und ihn danach weit über die Natur hinauszuheben vermögen, wird also mit den rein tierischen Funktionen beginnen: Wahrnehmen und Empfinden wird sein erster Zustand sein, der ihm mit allen Tieren gemeinsam sein wird. Wollen und Nichtwollen, Begehren und Fürchten werden die ersten und nahezu die einzigen Operationen seiner Seele sein, bis neue Umstände neue Entwicklungen in ihr verursachen.“[6]
Bei den frühen Menschen im Naturzustand war der Mensch in einem Einklang und in einer Harmonie mit der umgebenden Natur. Die menschliche Natur stimmte der umgebenden Natur überein. Aber nach dem Anfang der Vergesellschaftung gewann die Dimension der Eigenständigkeit des Menschen eine Dominanz, die der Natur völlig widerspricht. Entäußerung gehört teilweise zur menschlichen Natur, aber Zivilisation und Vergesellschaftung radikalisiert die Selbstheit der menschlichen Natur so, dass sie nicht mehr in einer Reziprozität mit der umgebenden Natur steht. Dieses Ereignis nennen wir als Entfremdung. An dieser Stelle problematisiert Rousseau den Naturzustand und stellt die Frage, wann und wie genau die Vergesellschaftung stattgefunden ist. Wir können den Begriff des Naturzustandes in zwei Phasen einteilen.
2.2. Der erste und zweite Naturzustand von Rousseau
Der erste Zustand ist der Zustand der Wilden. Der Mensch ist von Tier kaum unterscheidbar. Er hat kein künstliches, sondern nur natürliches Bedürfnis. In dieser Phase gibt es keine Freundschaft oder Feindschaft zwischen Menschen. Es gibt weder Erziehung noch technischer Fortschritt. Werkzeugherstellung ist nicht existent.
Der zweite Naturzustand ist eine glückliche Phase, weil der Mensch hier seine beste Zeit innerhalb der ganzen Geschichte der Menschheit erlebt. Man sieht hier die Anfänge der Vergesellschaftung. Er will nicht mehr nur überleben, sondern es geht um Leben einer Gemeinschaft. Die erste Formen der Familie, Elternliebe, Abhängigkeit von der Familie und von den anderen Bekannten in der Familie tauchen in dieser Zeit auf. Nach Rousseau ist die Liebe eigentlich kein Naturzustand, weil sie ein materieller Ausdruck von Sozialisierung des Menschen ist. Ungleichheit fängt mit dem Geburt der Familie und Privateigentum an. Nicht das Privateigentum, aber die Familie war existent in diesem Zustand.
In seiner antropologischer Analyse ist Rousseau vorsichtig bei den Fundamenten von Herrschaft und Autorität. Familie bedeutet für ihn feste Regel, äußere Repression, Mitleid, Verantwortung. Deswegen ist die Familie der Anfang der Gesellschaft. Die rousseausche Auffassung der Familie beruht auf Gesetzmäßigkeit und Herrschaftsbeziehungen. Diese Komponenten sind sowohl der umgebenden Natur, als auch der Natur des Menschen “fremd”. Sie gehören zur Natur nicht. Sie sind Entäußerungen. Die Entfremdung des Menschen von der Natur beginnt mit dem Anfang des Zusammenlebens der Menschen und mit der Bildung der Familie.
Kurz bevor der Phase der Vergesellschaftung existierte eine Gleichheit und Freiheit in der Menschengesellschaften. Der Mensch hatte doch die Fähigkeit zum Denken und mit seinen rationellen Eigenschaften war er anders als normalen Tieren. Der Glücksbegriff entstand durch das Bewusstsein und durch das Denken. Glück steht in einem festen Zusammenhang mit Vernunft oder ratio. Freiheit und Glück sind aber Endzustand bei der Verschiedenheit des Menschen von Tieren. Platon definierte den Mensch als absolut rationales Wesen. Rousseau fügt hier mehrere Adjektive wie frei, gleich und glücklich. Neben seinen rationellen und kognitiven unterscheidet sich der Mensch auch mit seinen empirischen Eigenschaften.
“Durch ihre Aktivität vervollkommnet sich unsere Vernunft. Wir suchen nur zu erkennen, weil wir zu genießen begehren; und es ist unmöglich zu begreifen, weshalb einer, der weder Begehren noch Besorgnisse hätte, sich die Mühe geben sollte nachzudenken. Die Leidenschaften ihrerseits beziehen ihren Ursprung aus unseren Bedürfnissen und ihren Fortschritt aus unseren Kenntnissen. [...] [Der] wilde Mensch, der jeglicher Art von Einsicht und Aufgeklärtheit entbehrt, empfindet nur die Leidenschaften dieser [...] Art. Seine Begehren gehen nicht über seine physischen Bedürfnisse hinaus. Die einzigen Güter, die er in der Welt kennt, sind Nahrung, ein Weibchen und Ruhe; die einzigen Übel, die er fürchtet, sind Schmerz und nicht Tod, denn niemals wird das Tier wissen, was Sterben ist; und die Kenntnis des Todes und seiner Schrecken ist eine der ersten Errungenschaften, die der Mensch gemacht hat, als er sich vom tierischen Zustand entfernte.”[7]
2.3. Die dritte Phase: Vergesellschaftung
Nach Rousseau ist diese Phase die grausamste in der ganzen Geschichte. In diesem Zustand beginnt der Mensch, Ackerbau zu betreiben und sich mit Metallurgie zu beschäftigen. Ackerbau bringt das Privateigentum und Privateigentum bringt ein Herrschaftsverhältnis und Ungleichheit. Wenn es Herrschaft gibt, dort gibt es keine Gleichheit. Die Ungleichheit verursacht Unglück. Es enstand Kriege wegen Habgier zum Eigentum. Herrschaftsbeziehungen radikalisierten sich und Gewalt wurde immer mehr angewendet.
Neben negativen Eigenschaften der Vergesellschaftung gibt es auch positive Seiten wie zum Beispiel Verbesserung der Technologie und Entwicklung der Werkzeuge. Man stellte immer mehrere und bessere Werkzeuge her. Durch bessere Technologie war das Leben immer leichter. Mit Hilfe von besserer Technologie war Bodenbearbeitung immer leichter für den Bauer. Aber diese Verbesserung hatte keinen Sinn, weil Technik nicht zum Wohl der Menschheit diente, sondern sie war nur ein Apparat der Herrschenden. “Der Mensch ist schwach, wenn er abhängig ist, und er ist emanzipiert, ehe er kräftig ist.”[8]
Innerhalb der Phase der Vergesellschaftung perfektionierte der Mensch die Herrschaftsbeziehungen, was die Ungleichheit in extremen Dimensionen mitbrachte. Die Ungleichheit widersprach aber den Gesetzen der Natur. Man erfand eigene Gesetze für seine eigene Gesellschaft. Menschengesellschaften hatten ihre eigene Regel, die mit der Natur in gar keinem Einklang stehen. Sie waren nicht mehr in einer kontinuierlichen Wechselbeziehung mit Natur. Damit meint man nicht nur, dass die Gesetze der Gesellschaft der umgebenden Natur widersprach, sondern sie standen im Gegensatz gegen Natur des Menschen. Das heißt, dass der Mensch trotz der Vergesellschaftung von innen an Natur gebunden ist.
“Die extreme Ungleichheit in der Lebensweise, das Übermaß an Müßiggang bei den einen, das Übermaß an Arbeit bei den anderen; die Leichtigkeit, unsere Begierden und unsere Sinnlichkeit zu reizen und zu befriedigen; die allzu verfeinerten Speisen der Reichen, die sie mit erhitzenden Säften nähren und sie mit Verdauungsbeschwerden belasten; die schlechte Nahrung der Armen, die ihnen sogar noch zuallermeist fehlt und deren Mangel sie dazu bringt, ihren Magen bei sich bietender Gelegenheit gierig zu überladen; die schlaflosen Nächte, die Exzesse jeglicher Art, die unmäßigen Erregungen aller Leidenschaften, die Mühsale und die Erschöpfung des Geistes. [...] Wenn die Natur uns dazu bestimmt hat, gesund zu sein, so wage ich beinahe zu versichern, dass der Zustand der Reflexion ein Zustand wider die Natur ist und dass der Mensch, der nachsinnt, ein depraviertes Tier ist.”[9]
Die Entfremdung ist deswegen problematisch, weil trotz der Verschiedenheit und extremen Andersheit und Eigenständigkeit der Menschengesellschaften der Mensch im Grunde gleich bleibt. Der vergesellschaftete Mensch ist immer noch ein Teil der Natur und er kann nicht anders sein. Die Lebensformation der Menschen durch eine Gesellschaftsidee ist künstlich und Destrukturierung der natürlichen Form der menschlichen Natur schiebt den Mensch zur Unexistenz, zum Verfall und Tod.
Die Ungleichheit, die wegen Herrschaftsbeziehungen entsteht, ist in einer engen Verbindung mit Freiheit. Man kann nicht frei sein, ohne ungleich zu sein. Gleichheit ist eine Prämisse für Freiheit und Glück. Unter einer absoluten Kontrolle, Autorität und Regierung einer zweiten Person verliert man seine Selbstbezogenheit und Selbstheit, was zur Natur des Menschen gehört. Der Mensch ist mit seiner Eigenheit und Eigenständigkeit innerhalb von umgebender Natur frei. Aber die Gesellschaft nimmt diese Eigenschaft von ihm und macht ihn nicht nur ungleich, sondern auch unfrei. Der neue Mensch ist nicht nur gegenüber selbst, sondern gegenüber der umgebenden Natur fremd.
“Welcher Mensch wäre danach töricht genug, sich mit der Bebauung eines Feldes abzuplagen, das vom erstbesten, dem diese Ernte gefällt, gleichgültig ob Mensch oder Tier, geplündert werden wird? Und wie wird jeder sich entschließen können, sein Leben mit einer mühsamen Arbeit zuzubringen, bei der er um so sicherer ist, ihren Lohn nicht zu ernten, je notwendiger dieser ihm sein wird? Mit einem Wort: wie wird diese Lage die Menschen dazu bringen, die Erde zu bebauen, solange sie nicht unter sie geteilt ist, das heißt, solange der Naturzustand nicht vernichtet ist?”[10]
3. Lösungsversuch
Hier untersucht Rousseau, ob oder wie man dieses Problem lösen kann. Gibt es ein Ausweg aus dieser Sackgasse? Wie können wir aus dem Krieg herauskommen und eine friedliche Gesellschaft bilden? Ein Rückkehr zum zweiten glücklichen Naturzustand ist unmöglich, weil man die Geschichte nicht rückgängig fließen lassen kann. Diese Situation zwingt uns, die Ungleichheit, Freiheit und Glück auf einer zukünftigen Ebene zu schaffen.
Beziehungen der Menschen sollen unmittelbar und transparent gemacht werden. Die Natur des Menschen soll mit der umgebenden Natur wieder zum Einklang und zur Harmonie gebracht werden. Die alte Harmonie von Natur und Mensch soll transformiert und restauiert werden.
Da die Vergesellschaftung zusammen mit Überwachung und Beachtung von den Anderen funktioniert, soll man zuerst das Problem der Regierung und Herrschaft lösen. Die Ungleichheit entsteht wegen unterschiedlichen Willen von verschiedenen Menschen. Einzelinteressen widersprechen den Allgemeininteressen. Eine herrschaftsfreie Gesellschaft ist durch Übereinstimmung von Allgemeinwillen und Einzelwillen möglich.
Rousseau findet die konkrete Antwort auf herrschaftsfreie Gesellschaft in einer demokratischen Gesellschaft, in der alle Bürger wie in der Natur von einem objektiven Gesetz gleichberechtigt werden. Alle Menschen sollen unter einem Gesetz verbunden werden. Unter einer menschlicher oder gesellschaftlicher Gleichberechtigung werden alle ihre Gleichheit zurückgewinnen. Nur so kann die Menschheit von einem Verfallsprozess gerettet werden.
Dieser idealer Zustand bezweckt ein gemeinsames Ich für alle, das alle andere unter einem einzigen Körper sammelt. Man transformiert hier die Naturgesetzen in die Gesetze der Gesellschaft. Man übersetzt die Sprache der Naturregel in die Regel der Menschen innerhalb des gesellschaftlichen Lebens. Der Einklang und die Harmonie des faktischen Lebens mit der Natur des Menschen in der Gesellschaft ist nur in einem demokratischen System möglich, in dem alle ihre Gedanken ausdrücken, was sie denken. Nach Rousseau soll die Idealgesellschaft so aussehen. Nur so kann der Verfall der Menschheit, der Kultur und Zivilisation verhindert werden.
Das Gefühl und der Gedanke der Entfremdung ist der Ausgangspunkt in der rousseauschen Auffassung. Entfremdung ist die faktische Tatsache, die uns von unserer eigenen Natur äußerlich und „fremd“ macht. Von diesem Gefühl her bewegen wir uns zu einer positiveren Gesellschaftsformation. Um die Entfremdung zu tilgen und die Übereinstimmung von Gesellschaft und Natur zu verkörperlichen stellt man die Natur als Ursprung fest. Man vergleicht man die aktuelle Endphase des Menschen mit diesem Urspung und restauriert die entäußerlichen Seiten und Lücken der menschlichen Gesellschaft.
4. Schluss
Entfremdung ist gewiß eine kulturelle Problematik. Das heißt, dass sie aus alles in der Gesellschaft besteht und was sie betrifft, betrifft alle Strukturelemente der Gesellschaft. Man begegnet manche Probleme bei der Gesellschaftsdiagnostik von Rousseau, weil er die ökonomisch-politische Beziehungen zwischen verschiedenen Klassen nicht deutlich beschreibt und ergänzt nicht, wie genau die alte Gesellschaftsformen funktionieren. Zwischen Natur und Gesellschaft gibt es gewiss eine Distanzierung. Aber man kann doch vielleicht sagen, dass er die Klassenkonflikt innerhalb von Gesellschaft nicht detailliert bearbeitet. Er ist auf dem Wege, den Angebot zu machen, die Gesellschaft durch eine parlementarische Demokratie funktionieren zu lassen, ohne die Klassen innerhalb der Gesellschaft abschaffen zu lassen, was sein Lösungsversuch irrealistisch macht. Das ist nicht nur der Widerspruch von rousseauschen Theorie der Demokratie, sondern der Widerspruch der Bourgeousiedemokratie von den heutigen europäischen Regierungen.
5. Quellen- und Literaturverzeichnis
1- Alt, Ernst; Zum Entfremdungsbegriff: der theoretische Ansatz bei Rousseau; Frankfurt a.M.: Lang; 1982
2- Rousseau, Jean-Jacques; Diskurs über die Ungleichheit; Paderborn-München-Wien-Zürich; Schöningh; 2001
[1] Rousseau, Jean-Jacques; Diskurs über die Ungleichheit; Paderborn-München-Wien-Zürich; Schöningh; 2001; s: 95
[2] ebd.; s: 97
[3] ebd.; s: 93
[4] ebd.; s: 101
[5] ebd.; s: 167
[6] ebd.; s: 106-107
[7] ebd.; s: 107
[8] ebd.; s: 139
[9] ebd.; s: 89
[10] ebd.; s: 115