Kritik der Freiheitsphilosophie von John Stuart Mill

1. Einführung

 

In einer liberalistisch orientierter Welt ist das sehr wichtig, die Grundlagen der liberalkapitalistischen Ideologie kennenzulernen, um gegenüber der praktischen Realität eine konkrete Position zu gewinnen. Ich habe eine kritische Leseart bei John Stuart Mill, der in der Konstitution der modernen kapitalistischen Ideologie und liberalistischen Ökonomie-Politik theoretisch und auch vielleicht praktisch mitgemacht hat.

Er hat ein marktzentriertes Gesellschafts-„Bild“ und staatsgegnerische Auffassung. Seine Philosophie beruht auf einen dialektischen Gegensatz, nämlich auf den Staat und auf dessen Kritik. Sein hauptsächlicher Ausgangspunkt ist die Befreiung des freien Handelns und der freien Handlung gegenüber der äußerlichen hierarchischen Staatskontrolle.

Meistens identifiziert er freies marktwirtschaftliches Handeln mit der freien sozialen Handlung. Er stellt diese beide Komponente auf dieselbe Stelle und sagt, dass sowohl individualistisches freies ökonomisches Handeln als auch Freiheit der Meinung und Meinungsäußerung verteidigt werden soll. Auf beiden Fällen ist die Rede von einer negativen Freiheit, da er die marktwirtschaftliche Freiheit im Sinne von Unabhängigkeit des Markts „vom“ Staat und soziale Freiheit von autoritärer Repression annimmt.

Philosophen produzieren Wissen nicht nur für sich, sondern es ist auch relevant, ob oder dass das Wissen vom praktischen alltäglichen Wert ist. Das heißt, dass es wichtig ist, dass man die Gedanken in der Wirklichkeit verkörperlicht. Theorie und Praxis sind zwei Komponente, die zusammen ein Ganzes bilden. Eine Theorie ohne Praxis sowie Praxis ohne Theorie sind nicht sehr sinnvoll. Deswegen muss man fragen, was für ein Denk- oder Handlungsmotiv, was für Konsequenzen dieser Handlung und was für Beziehung es zwischen Motiven und Konsequenzen gibt.

Bei Mill haben Handlungs- oder praktische Konsequenzen einen größeren Bestandteil bei der Beurteilung einer Handlung. In der utilitaristischen Philosophie spielen manchmal Konsequenzen eine größere Rolle als Motiven und die Beziehung zwischen Motiven und Konsequenzen einer Handlung wird meistens zurückgeschoben. Ob die Theorie der Praxis übereinstimmt, prüft man durch empirische Beobachtung. Freiheitsmotiv wird in der Praxis durch Abschaffung der staatlichen Repression und Ermöglichung des liberalistischen Handelns überprüft.

In dieser Arbeit werde ich zuerst auf die Hauptdynamiken der millschen Philosophie eingehen und dann werde ich im nächsten Teil die Auffassungen von Mill über die Freiheit in Diskussion bringen und kritisieren. Ich habe beim Schreiben dieses Textes darauf nicht verzichten, einige Kategorien oder Begriffe in der Ökonomie- und Klassenkampftheorie von Marxismus, in der luhmannschen Systemtheorie und poststrukturalistische Machttheorie anzuwenden.

Im Zentrum der theoretischen Diskussion über die Freiheit nach Mill liegt die Freiheit selbst. Nach ihm braucht der Mensch als ein soziales – und Lebewesen die Freiheit. Freiheit hat gute Konsequenzen wie Fortschritt, technische und persönliche Entwicklung, durch deren Resultate man das Niveau der Wohlfahrt erhöht. Freiheit hat nicht nur soziale, sondern auch eine ökonomische Dimension und Mill verbindet sein soziales Freiheitsargument mit dem ökonomischen und legitimiert so die Freiheit des marktwirtschaftlichen Handelns gegen staatlich monopolistische Kontrolle des wirtschaftlichen Handelns.

Die millsche Philosophie der Freiheit bezieht sich auf fünf hauptsächliche Prinzipien und die erste ist die Freiheit selbst. Das zweite Prinzip ist die Individualität. Mit Individualität meint er, dass alle Menschen einzelne Personen sind und dass sie ihre Eigenständigkeit haben, was sie von den anderen Mitmenschen unterscheidet. Freiheit ist eine notwendige Bedingung für Individualität und Individualität ist eine notwendige Konsequenz für Freiheitsmotiv. Individualität ohne Freiheit sowie Freiheit ohne Individualität sind nicht denkbar.

Außer Freiheit und Individualität gibt es stark funktionalistische Prinzipien in der millschen Philosophie. Die sind Moral und Glück. Mit Moral meint man einfach ein ethisches Handlungssystem. Mit Glück meint man eine obere Stufe der Bedürfnisbefriedigung. Diese zwei genannte Prinzipien sind stark auf Freiheit bezogen und alle diese drei Prinzipien sind ontologisch notwendige Bedingungen für einander. Moral ohne Freiheit und Freiheit ohne Moral, Glück ohne Moral und Moral ohne Glück, Freiheit ohne Glück und Glück ohne Freiheit sind nicht konstituierbar in der millschen Philosophie.

Nützlichkeitsbegriff taucht als ein verbindendes Prinzip zwischen Axiomen von Freiheit, Moral und Glück. Es gibt eine pragmatische und Nutzen maximierende reziproke Beziehung zwischen diesen drei Komponenten. Insgesamt ist die ganze Freiheitsphilosophie von Mill basiert auf verschiedenen Axiomen, die miteinander durch Nützlichkeitsprinzip gekoppelt sind.

Ich habe 6 Einwände gegen Mill´s Freiheitsphilosophie: 1- Soziale Freiheit basiert auf die ökonomische Freiheit. Ohne ökonomische Freiheit ist auch eine soziale Freiheit unmöglich. Wichtig ist nicht die Abschaffung der staatlichen Autorität, sondern Abschaffung der ganzen Macht des Staates und des liberalistischen Marktes. 2- Instrumentalität des Glücks zum Zweck der Systemherstellung ist der Natur des Glücks fremd. 3- Kapitalistischer Glücksbegriff macht die Geldware mit dem Glück äquivalent. Mehr Geld bringt einen größeren Maß von Glück. Das macht Glück abhängig und unfrei von einem praktischen Gegenstand, was der Natur des Glücks widerspricht. Kapitalistischer Verständnis über Glück ist sehr künstlich und funktionalistisch. 4- Hauptsache der Freiheit soll die Freiheit des Menschen oder Freiheit für Menschen sein. Nach Mill lautet der Ansatz eher wie Freiheit für Systemherstellung. 5- Es ist sehr gefährlich, Freiheitsphilosophie auf rein funktionalistische Axiomen basieren zu lassen, weil Freiheit, Glück, Moral oder Individualität zeitlich und persönlich veränderliche Begriffe sind und Verfestigung dieser Begriffe durch absolute Prinzipien der Natur dieser fünf Bestandteile der millschen Freiheitsphilosophie widerspricht. 6-Er hat keine treffliche Kritik an der modernen Sozialismustheorie. Den Sozialismus versteht er als eine Variation von Sozialpolitik, die auch unter kapitalistischer Marktwirtschaft angewendet werden kann. Moderne Sozialismustheorie besagt aber, dass Sozialismus nicht nur ein politischer, sondern auch ein wirtschaftlicher Transformationsprozess der ganzen Gesellschaft ist.

Was ich als Resultat erreicht habe, ist, dass die kapitalistische Weltauffassung die ganze Menschheit von sich selbst entfremden lässt und die Gesellschaft zum Niedergang führt. In dieser Arbeit habe ich den Zweck, dieses Endergebnis durch eine dialektische Diskussion unter kapitalistischen und antikapitalistischen Argumenten hervorzubringen und zu beweisen. Ich will zuerst mit Mills Thesen anfangen und mit meinen Antithesen weitergehen. Im letzten Teil will ich das ganze Thema aus meiner eigenen Hinsicht noch mal zusammenfassen. Im Verlauf meines Vorgehens will ich den Inhalt der millschen Philosophie eindeuten.1

 

2. Grundlagen der millschen Freiheitsphilosophie: Die Thesen von Mill

2.1. Über Meinungs-, Handlungs- und Handelnsfreiheit

 

Um Mill genau verstehen zu können, müssen wir das Bild aufklären, welches er in seinem Buch On Liberty beschreibt. Mill sagt, dass Menschen frei sein sollen, ihre Meinungen, Gedanken und Gefühlen unabhängig zu äußern. Sie sollen in der Lage sein, ihre Eigenheit und ihr Selbst unabhängig von einem anderen Subjekt oder Element auszudrucken. Diese Lage der freien Meinungsäußerung ist dann möglich, wenn die äußerliche Repression oder die staatliche Unterdrückung abgeschafft wird. Die das Individuum umgebende Macht wird hier als ein negativer Gegensatz des Individuums angesehen.

Mill hat das Vorbild der älteren Zeiten oder des Anfangs der Zivilisation in Griechenland, Rom und teilweise in England, in der über Menschen ein autoritärer Tyrann herrschte. Er sagt, dass man in damaliger Zeit unter Freiheit den Schutz vor dem Tyrann verstand. Wenn man einige Ausnahmen im antiken Griechenland ausschließt, kann man sagen, dass die Herrschaft sich immer in der Hand einer mächtigen Klasse gegen das Volk befand.2

Aus der Perspektive des Volkes oder der unterdrückten Klasse schien die Macht und die Herrschaft der Adelklasse sehr gefährlich. Nach Mill ist die Furcht die Erscheinung des Stärkeren und der Macht und die Kräftigkeit war eine Regel des Überlebens wie in der Natur unter Tiergesellschaften. Das war eine Welt, in der man nicht im Leben bleibt, wenn man nicht genug stark ist. „To prevent the weaker numbers of the community from being preyed upon by innumerable vultures, it was needful that there should be an animal of prey stronger than the rest, commissioned to keep them down. But as the king of the vultures would be no less bent upon preying on the flock then any of the minor harpies, it was indispensable to be in a perpetual attitude of defence against his beak and claws.”3

Nicht nur in den Tiergesellschaften, sondern auch in Menschengesellschaften hat die Macht und die Herrschaft eine positive Funktion in dem Sinne, dass man damit einen Bewegungsraum und eine gewisse Freiheit gewinnt, weil man sich damit vor Unordnung schützt. Man begrenzte sich selbst durch Machtregeln und das hieße Freiheit. Ein anderes Mittel unter der Herrschaft für die Erhaltung der Herrschaft selbst war, dass die Interessen der einzelnen unter dem Dach des Herrschers sich übereinstimmen. 4

Mill ist in der Auffassung, dass Menschen jetzt ins Stadium gekommen sind, wo diese Herrschaftsverhältnisse ihre Notwendigkeit verlieren, weil sie gelernt haben, an die Natur zu beherrschen und so die alte gewaltige Beziehung der Herrschaft und Macht zu überwinden. Die Macht, die ihren Freiheitsraum gegenüber der Natur gebildet hat, gefährdet jetzt die soziale Freiheit des Individuums innerhalb der Gesellschaft.

Sowohl in der antiken Welt als auch in der Zeit von Mill war Meinungsfreiheit, Kritik an staatliche Autoritäten wie Kirche oder Adelklasse unterdrückt. Menschen waren nicht frei, ihre Meinungen ins Ausdruck zu bringen oder zu publizieren. Nach Mill ist Freiheit ein Bedürfnis des Menschen und sie bringt Glück mit. Die Konsequenz der Meinungsfreiheit ist also individueller Glück.

Da die Meinungsäußerung alleine nicht viel Sinn hat, meint man mit Meinungsfreiheit auch eine gewisse Handlungsfreiheit, da die Meinungen nur dann vom Wert sind, wenn man damit etwas in der praktischen Welt ändern kann. Kritik hat die Funktion der praktischen Veränderung in der alltäglichen Lebenswelt. Da die dogmatische Autoritäten wie Kirche im Mittelalter die kopernikanische Gedanken nicht akzeptieren wollten, weil Kirchenväter wussten, dass sie Macht verlieren würden, wenn Copernicus die Möglichkeit bekommt, seine Gedanken publiziert. Nachdem Menschen in der Lage waren, Schriften von Copernicus zu lesen, befand sich die Kirche in einer tatsächlichen Gefahr, dass Menschen nicht mehr an christlichen Dogmen glauben. Nach Mill hat niemand das Recht, Meinungsäußerung eines Individuums zu unterdrücken. Man darf aber auch der Gesellschaft seinen Willen nicht aufzwingen.

Wenn die unterdrückte Meinung wahr wäre, dann würde das heißen, dass der Fortschritt der Gesellschaft verhindert wurde. Hier taucht die Rolle und Wichtigkeit der Diskussion auf, weil man durch Diskussion die Möglichkeit bekommt, eine gesicherte Wahrheitskonzeption zu entwickeln. Wenn die unterdrückte Meinung falsch ist, kann man die sichere Wahrheitskonzeption durch Falsifikation dieser falschen Meinung erreichen.

Theorie ist immer in einer wechselseitigen Beziehung mit Praxis und Meinungsäußerung hat natürlich praktische Erscheinungen und Konsequenzen. Wenn man von einer Veränderung der Gesellschaft wie in der französischen Revolution spricht, dann meint man schon auch eine praktische Tätigkeit und hinter dieser Tätigkeit gab es ein theoretischer Hintergrund der Bourgeoisie gegen Adelklasse Frankreichs.

Wenn Mill Meinungsfreiheit betont, dann muss man den Gedanke haben, dass er nicht nur eine Meinungsfreiheit an sich versteht, sondern dass er einige Komponenten der beherrschten klassischen Ordnung in der englischen Gesellschaft kritisch hält. Mit Veränderung meint man zum Beispiel Veränderung der damaligen Staatsverfassung und Abschaffung der staatlichen Kontrolle über Markt und Geschäftsleute. Hier betrifft das Thema nicht nur Meinungs- oder eine einfache Handlungsfreiheit, sondern auch eine Handelsfreiheit. Handelsfreiheit ist die Bewegung zur Unabhängigkeit des Markts vom Staat. Freiheit ist die Substanz der millschen Liberalismusphilosophie und sie hat verschiedene qualitative Erscheinungen wie soziale und ökonomische Freiheit.

Mill lehnt Autorität nicht ganz, weil er glaubt, dass wenn die Freiheit nicht eingeschränkt wird, kann Individuum den anderen schaden. Er nennt diese Dimension als „harm principle“.5 Wenn die soziale Freiheit nicht eingeschränkt wird, dann hat man die Gefahr, die Freiheit der anderen zu schaden. Mit Einschränkung meint man zum Beispiel moralische Einschränkungen. Man darf seine Meinung frei zum Ausdruck bringen, aber das heißt nicht, dass er auch die Moralprinzipien völlig übersehen darf. Also muss Freiheit auch in gewisser Weise beschränkt werden.6 Die Einschränkung der individuellen Freiheit wird darum gerechtfertigt, dass man Schaden von anderen abwendet, vor dem öffentlichen Ärgernis vermeidet und anderen zu ihrem Glück verhelfen.7

Freiheitsforderung ist nicht gültig für Kinder, behinderte Menschen und Barbaren. Die Rechtfertigung der Freiheit ist nicht nur diese drei Kategorien von Menschen beschränkt, sondern auch auf Erwachsene, die nicht genügend auf ihr eigenes Wohl beachten können. Solche Menschen seien nicht in der Lage, wohlüberlegte und wohlinformierte Entscheidungen zu treffen.

Es ist genauso wie in der ökonomischen Freiheit. Geschäftsleute müssen begrenzt werden, damit jeder im Markt sein Interesse verwirklicht. Mill sagt, dass Monopolen im Markt verhindern. Konkurrenz ist eine notwendige Bedingung für Fortschritt der Menschheit, weil wenn Menschen bessere Waren produzieren und mehr verkaufen wollen als die anderen, müssen sie dann größere Leistung bringen. Dieser reziproke Prozess im Markt heißt Konkurrenz und dieser Wettbewerb bringe Fortschritt mit. Da Fortschritt vom Prinzip her notwendig ist, muss alle Komponente, die den Fortschritt hemmen, beseitigt werden. Ein Element ist die staatlich-monopolistisches Verständnis des Marktes. Mill verbindet hier die Meinungsfreiheit mit der ökonomischen Freiheit und kritisiert die Staatlichkeit des öffentlichen Lebens. Er identifiziert Freiheit mit sozialer und ökonomischer Liberalisierung des öffentlichen Lebens. Also geht es bei Mill um eine Verteidigung der Vermarktung oder Privatisierung aller gesellschaftlichen Organe.8

 

2.2. Prinzip der Individualität

 

Mill´s Hauptmotiv in seiner Philosophie ist selbstverständlich die Freiheit selbst. Freiheit wird im Sinne von Unabhängigkeit von Staat oder Autorität verstanden. Freiheit solle in der Mitte einer Gesellschaftsformation stehen. Er fügt aber hinzu, dass die Freiheit auch eingeschränkt werden soll, weil sie sonst den anderen schaden würde. Das heißt, dass Mill nicht nur die Freiheit, sondern auch die Moral als Prinzip annimmt.

Neben Komponenten Freiheit und Moral gibt es ein drittes Element: Glück. Um diesen Begriff zu verstehen, müssen wir zuerst das Prinzip der Individualität ergänzen. Dann werden wir die enge Beziehung zwischen Individualität sehen und uns wird in diesem Teil noch die Aufgabe bleiben, was für ein Verhältnis zwischen allen drei oben genannten Prinzipien existiert.

Individualität ist ein Teil der Freiheit. Um die Freiheit vollständig verwirklichen zu können, muss man auf die Seite der Individualität auch beachten. Im ersten Augenblick bezieht sich die Freiheit natürlich auf das Individuum selbst. In diesem Sinne ist Befreiungsprozess eines Menschen ein individueller Vorgang. Mill meint aber mit Individualität etwas mehr als diesen Sinn der Individualität.

Er versteht unter Individualität einen Baustein der Freiheit und die Verwirklichung des Individuums aus allen Hinsichten. Das heißt, dass er der Individualität die Bedeutung der Selbstentwicklung des Menschen gibt. Der Mensch solle in der Lage sein, sich selbst zu entwickeln. Also soll die freie Entfaltung der eigenen Persönlichkeit der Menschen nicht gehindert werden. Mill verbindet hier das Freiheitsmotiv mit Individualisierungspraxis. Selbstverwirklichung bringe dem Individuum größten möglichen Glück. Jeder Mensch strebt nach dem Glück und Individualisierung ist der „Weg“ zum Glück. Die Konsequenz des Freiheits- und Individualitätsmotivs ist Glück selbst. Ohne Glückskonsequenz hat die Freiheit keinen Sinn. Deswegen ist Glück selbst ein Maßstab bei der Bewertung einer guten oder schlechten Handlung.

Bei der Individualität betont man keine äußerliche, sondern eine innerliche Gestaltung der Persönlichkeit. Damit wird gemeint, dass alle eine Schöpfungskraft haben, sich selbst zu entwickeln und zu verbessern. Man lernt nicht nur durch äußeren Umständen, sondern Lernen selbst ist auch ein intrinsisch-innerlicher Prozess. Persönliche Entwicklung bringt im Endeffekt Erfolg und Erfolg steht im engen Zusammenhang mit Glück und Selbstbefriedigung.

Um Individualität verwirklichen zu können, braucht man nicht nur eine innerliche Effizienz, sondern einige äußere Bedingungen müssen auch vorhanden sein. Zum Beispiel ohne Ausbildungsmöglichkeit wäre individuelle Leistungen zum Lernen wären nicht hinreichend. Nach Mill hat der Staat die Aufgabe, seinen Bürgern Ausbildungsmöglichkeit zu sorgen. Es muss ein Mindestniveau für Bildung geben und jeder solle in der Lage sein, sich selbst zu entwickeln.9

Nicht nur die Freiheit selbst, sondern auch Individualität muss in gewissem Maße eingeschränkt werden, weil sie sonst den anderen schaden würde. Die Interessen der anderen nicht zu schädigen oder Verantwortungen gegenüber Gesellschaft wie Teilnahme an Schutz der Gesellschaft sowohl nach innen als auch nach außen oder Stabilisierung der Sicherheit des Staates, sind einige Pflichten der Bürger in einem Rechtsstaat. Damit so eine Systemvorstellung in der Praxis funktioniert, setzt Mill staatliche Kontrolle für die Regulierung der Bürger voraus, damit sie auf der sozialen Ebene eine aktive Tätigkeit haben. Das heißt, dass sie einerseits so aussehen, dass sie frei handeln und andererseits ist hier die Rede von einer Zwanghaftigkeit oder Ausrichtung der Bürger auf Solidarisierung.10

 

2.3. Philosophie der Freiheit als ein Denksystem von Prinzipien

 

Mill fasst auf, dass die Freiheit wegen „harm principle“ begrenzt werden muss, weil sonst sie negative Folgen für die anderen haben kann. Das heißt, dass das Prinzip von Freiheit an einer bestimmten Stelle vom Moralprinzip eingeschränkt wird. Wenn man Interessen der anderen achtet, dann handelt man moralisch und so ist die Freiheit nicht nur von einem, sondern von allen möglich. Das heißt, dass Mill unter Freiheit eine Pluralität versteht. Ein monopolistisches, monistisches oder egoistisches Freiheitsmodell betrifft Mill´s Konzept der Freiheit auf keinen Fall.

Mill redet nicht nur von möglichen negativen Folgen der unbegrenzten Freiheit, sondern auch von deren positiven Konsequenzen wie zum Beispiel Glück. Freiheit bringt dem Menschen persönlichen oder individuellen Glück mit. Dass Glück auf eine persönliche Erfahrung beruht, heißt nicht, dass er nur auf Individuum bezieht. Man muss auch einsehen, dass das Erlebnis des Kollektiven das Individuum positiv beeinflussen kann. Hilfe den anderen oder Freundschaft sind kollektive Erlebnisse, die für das Individuum positive Motive haben. Bei einer moralischen Handlung ist das genauso, dass die Folgen einer solchen Handlung nicht nur für die andere, also für das Kollektive, sondern auch direkt und indirekt für die Person selbst Glück bringt. Deswegen kann man sagen, dass in der millschen Philosophie die Moral sich in einer engen Beziehung mit Glück befindet.

Wir haben die Beziehung zwischen Freiheit-Moral und Glück-Moral ergänzt. Jetzt bleibt die Beziehung zwischen Freiheit und Glück. Nach Mill macht die Freiheit hauptsächlich den Glück aus, weil das größte Motiv des Glücks Freiheit selbst ist. Das heißt, dass man größtmöglichen Glück durch Freiheit bekommt. Weil Glück ohne Freiheit undenkbar ist, ist Freiheit das wichtigste Maß bei der Beurteilung eines Handlungsmotivs. Je freier man sich verhält, desto glücklicher ist er. Mill stellt hier Freiheit als Handlungsmotiv und den Glück als Handlungskonsequenz vor. Zwischen Freiheit und Glück gibt es eine direkte Proportionalität.

 

 

 

2.4. Ein zusätzliches Prinzip: Prinzip der Nützlichkeit

 

Mill gibt den Worten manchmal verschiedene Bedeutungen. Einerseits beinhaltet die Begriffe Freiheit, Glück oder Moral theoretisch, aber in seinen systematischen ökonomischen Analysen gewinnen alle seine Hauptprinzipien auch eine instrumentelle Rolle.

Beim Thema Glück verwechselt sich das Hauptmotiv der ganzen Freiheitsphilosophie, weil er hier intrinsisch auch ein Nützlichkeitsprinzip hinzufügt. Mill ist nicht in der Meinung, dass Freiheit und Glück auf der gleichen Ebene stehen und sich einander balancieren, sondern Freiheit ist dann vom Wert, wenn sie Glück mitbringt. Weil es eine natürliche und absolute Beziehung zwischen Freiheit und Glück gibt, ist eine unfreie Handlung, die Glück bringt, oder eine freie Handlung, die keinen Glück bringt, undenkbar. Freiheit und Glück enthälten ihre Eigenheiten und sie herstellten sich durch eine wechselseitige Instrumentalisierung.

Moral nützt dem Glück, weil er die Kollektivität konstituiert, welche für den Zusammenhalt der Gesellschaft notwendig ist. In diesem Sinne ist Moral ein indirektes Instrument bei der Verwirklichung der Freiheit und des Glücks.11 Glück dient der Moral nur so, wenn man durch Glück für moralische Handlung motiviert wird. Also Glück und Moral ernähren einander wechselseitig. In dieser wechselseitigen Beziehung gewinnt auch der Glück eine Instrumentalität zum Zweck der Selbstherstellung über Moral.

Neben Glück-Freiheit- und Glück-Moral-Korrelationen bleibt Freiheit-Moral-Kombination übrig. Im Grunde sind Freiheit und Moral strukturalistisch einander widersprechende Systeme oder Dynamiken, aber bei der Glücksproduktion katalysieren sie einander indirekt. Das heißt, dass es innerhalb der ganzen millschen Freiheitsphilosophie keine homogene Strukturdynamiken herrschen, weil wir gezeigt haben, dass Glück-Freiheit und Glück-Moral von Freiheit-Moral aus verschiedene charakteristische strukturelle Unterschiede besteht.

Das Hauptwort, das das millsche Freiheitssystem funktionieren lässt, heißt Nützlichkeitsprinzip, weil alle Prinzipien durch Nutzen an einander verbunden sind. Die Dynamiken des ganzen Systems sind die drei Prinzipien: Freiheit, Moral und Glück. Mill konstituiert seine Philosophie durch die Kette dieser drei Prinzipien. Deswegen hat Mill eine außerordentliche Struktur als zum Beispiel deutsche Idealisten, weil er seine Argumente nicht ganz durch Theorie-Praxis-Ebene hervorbringt, sondern sie eher durch Ausgleich, pragmatische Selbstherstellung der eigenständigen Systeme aufbaut und einander binden lässt. Bei Mill ist nicht die Theorie und Praxis, sondern Motiv und Konsequenz relevant.

 

3. Eine systematisch zusammengefasste Kritik an Mill´s Freiheitsphilosophie

 

1- Mill ist in der Auffassung, dass die Freiheit nicht unterdrückt werden darf. Aber sie muss auch begrenzt werden, sonst würde deren Folgen den anderen schaden. Ich bin in der Meinung, dass wir eine andere Art von Freiheit oder eine andere Freiheitskonzeption brauchen. Wenn die Freiheit nicht unterdrückt, aber doch eingeschränkt werden soll, dann besteht diese Art von Freiheit aus einige Widersprüche oder zumindest Probleme in sich. Freiheit ist ein Bestandteil von Überbau der Gesellschaft und sie basiert auf Wirtschaft. Mann soll die wirtschaftliche und soziale Freiheit zuerst voneinander unterscheiden.

Aus meiner Hinsicht befinden sich die soziale und wirtschaftliche Freiheit nicht in derselben gesellschaftlichen Ebene und die wirtschaftliche Formation spielt eine primäre Rolle bei der Bestimmung der Position der Freiheit in der Politik.

Mill konstituiert seinen Freiheitsbegriff in einer liberalistischen Gesellschaft, in der es eine Arbeiter-Arbeitgeber-Verhältnis, Warenaustausch, Profit und Arbeitsausbeutung herrscht. Meinungsfreiheit hat nur in dem Sinne eine Bedeutung, wenn man damit etwas in der Praxis ändern kann. Wenn man in einer staatsmonopolistischen Gesellschaft von der Meinungs- und Handlungsfreiheit spricht, wie Mill das macht, dann meint er, dass der Staat in Handelnswelt seine Macht zurücktreten und die einzelne Individuen besonders eine aktive Rolle übernehmen sollen. Das Individuum solle einfach unabhängiger oder freier vom Staat handeln.

Da die Schichten, die eine positive Interesse an staatlicher Macht haben, nicht akzeptieren wollen, dass der Staat seine Autorität verliert, würden nicht in der Meinung sein, dass einige Liberalisten Theorien verfassen, in denen man Abschaffung der staatlichen Kontrolle im Markt und monopolistische Autorität kritisiert. Wenn Meinungsfreiheit unterdrückt wird, dann würde Mill diese Situation kritisieren. Aber wenn Liberalisten von einem monopolistisch orientierten Staat unterdrückt werden, dann wird das noch problematischer für Mill, weil es bei Mill nicht nur um Meinungsfreiheit, sondern besonders um Meinungsfreiheit der Liberalisten geht. Man solle Liberalisten erlauben, dass sie die Macht im Markt in ihren eigenen Händen nehmen. Eine zusätzliche relativ positive Konsequenz dieser Politik sei der Fortschritt und technische Entwicklung. Freiheit bringe Fortschritt und Entwicklung mit.

Mill scheint, auf einem anarchistischen Wege zu sein, weil er die Idee hervorbringt, dass der Staat und die staatliche Macht im privaten oder öffentlichen Leben abgeschafft werden soll. Der Staat ist der Ursprung sowohl der Unterdrückung der Meinungsfreiheit als auch des freien geschäftlichen Handelns. Er macht aber einen gedanklichen oder auch einen praktischen Fehler, dass die Macht durch Beseitigung der staatlichen Autorität völlig abgeschafft werden kann. Mill hat kein Interesse an der Tilgung der Macht, sondern an staatlicher Macht. Mein Einwand gegen Mill wäre, dass man nicht nur die staatliche Autorität, sondern alle Arten von Autorität und Macht beseitigt werden soll. Wenn der Staat zur Seite abgeschoben wird, dann taucht der Markt als zentrale Autorität und Macht in der Mitte der Gesellschaft auf und so würde der Markt einen staatlichen Charakter gewinnen.

Um die Macht in der Gesellschaft zu vernichten, reichen Meinungs- oder Handlungsfreiheiten nicht, sondern man muss die materielle Gründe und die ökonomische Basis der ganzen Gesellschaft so formieren, dass die Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Unglückseligkeit und so die Unfreiheit nicht mehr existieren oder zumindest minimiert werden. So eine Veränderung ist nur durch Abschaffung des Privateigentums, des Geldes und der radikalen Beziehung zwischen Kapitalisten und Arbeitern möglich. Vermarktung der Gesellschaft wäre nur ein Renaissance der Staatlichkeit der Gesellschaft.

Mill hat auch praktische Interessen an Verlust der staatlichen Kräften, weil Staat den Markt monopolistisch kontrollieren will, was den Interessen der kleinen Händlern und Geschäftsleute widersprechen würde, weil sie auch ihr eigenes Kapital vergrößern wollen. Nach Mill bringt Freiheit deswegen Fortschritt mit, weil er an Pluralität gebunden ist. Wenn im sozialen oder ökonomischen Leben Pluralität vorhanden ist, dann gibt es positive oder negative Konkurrenz, welche Menschen zur Fortentwicklung zwingt. Ich würde nicht die soziale, aber schon die ökonomische Dimension dieser Fortentwicklung kritisieren. Er meint mit Fortschritt nur eine technische Entwicklung, Erhöhung der Warenproduktion und des Kapitals. Wenn das Motiv dieser Entwicklungen der Glück selbst wären, dann hätte ich dagegen nichts zu sagen. Aber das Handlungsmotiv im Markt ist nicht Glück, sondern Mehrwertproduktion, Geld und Profit, welche nicht dem Menschen direkt einen Dienst haben, sondern sie sind Sachen oder Systeme an sich, die sich selbst mit Hilfe der menschlichen Arbeitskraft herstellen.

2- Er sagt: „Whatever can be proved to be good, must be so by being shown to be a means to something admitted to be good without proof. The medical art is proved to be good, by its conducing to health; but how is it possible to prove that health is good? The art of music is good, for the reason, among others, that it produces pleasure; but what proof is it possible to give that pleasure is good? If, then, it is asserted that there is a comprehensive formula, including all things which are in themselves good, and that what ever else is good, is not so as an end, but as a mean, the formula may be accepted or rejected, but is not a subject of what is commonly understood by proof.”12

Meiner Meinung nach darf Glück kein Instrument sein, sondern er kann nur ein Handlungsmotiv sein. Es ist richtig, dass der Handelnde durch Glück eine bestimmte Motivation gewinnt, aber das kann nicht heißen, dass er nur eine funktionale oder funktionalistische Natur hat. Glück allein ist keine Funktion, sondern er hat eine Funktion. Dass Glück keine Funktion ist, heißt aber auch nicht, dass er das einzige Handlungsmotiv sei, wie Mill sagt. Nach Mill ist das hauptsächliche Handlungsmotiv und die höchst wertvolle Handlungskonsequenz ist Glück selbst. Ich denke aber, dass das hauptsächliche Motiv und die wichtigste Handlungskonsequenz die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse sind. Man kann seine Bedürfnisse befriedigen, ohne glücklich zu sein, aber man kann Glück nie erreichen, ohne seine Bedürfnisse zu befriedigen. Ich nehme hier Glück als ein oberes Stadium im Vergleich zu Befriedigung der Bedürfnisse.

3- Was ich bei ihm noch problematisch finde, ist, dass er Glück endlos vorstellt. Dass Glück nach dem Stadium der Bedürfnisbefriedigung kommt, kann nicht heißen, dass Glück ohne diese Bedürfnisse denkbar ist. Befriedigung der Bedürfnisse eines Menschen wie Essen, Wohnen oder Sex haben eine zeitliche Sättigungsgrenze und sie sind von der materiellen Welt abhängig. Nicht nur Anzahl der menschlichen Bedürfnisse in der Natur, sondern auch die Sättigungsniveau dieser Bedürfnisse sind begrenzt. Zum Beispiel man braucht, pro Tag ungefähr drei mal zu essen, um sein Ernährungsbedürfnis zu befriedigen oder man braucht nur ein Haus, um sein Wohnbedürfnis zu befriedigen. Das heißt, dass es sinnlos wäre, eine Glückskonzeption zu bilden, obwohl der Glück auf begrenzte Bedürfnisse basiert.

Auf der ökonomischen Ebene erreicht ein Kapitalist eine bestimmte Befriedigung und insofern wird er vielleicht auch glücklich, wenn seine Profitrate sich erhöhen. Das ist eine millsche Glückform, die mit Menge einer Ware, nämlich des Geldes, äquivalent ist. Ich denke, dass ein absolutes Motiv wie Glück selbst mit einer materiell konkreten Ware, also mit Geld nicht gleichgestellt werden kann. Das Geld als Ware kann kein Maßstab für den Glück sein und nach meiner Glücksvorstellung kann es eine parallele Proportionalität zwischen Geld und Glück nicht geben. Wenn es so eine rein absolute Parallelität zwischen Austauschware und Glück gibt, dann muss auch unser Glück austauschbar sein, was der Natur des Menschen widersprechen würde.

Nach der Glücksvorstellung Mill´s ist dann Glück unfrei von Warenwelt und wir können eigentlich den Glück in einer Welt nie erreichen, in der wir von Warenwelt unfrei sind. Das heißt, dass wir uns vom Markt nie unabhängig denken können. Für uns ist eine unkapitalistische Welt unvorstellbar. Ich würde hier die Meinung verteidigen, dass die Welt des Kapitalismus von menschlicher Hand gemacht wurde und sie kann mit demselben Weg auch abgeschafft werden. Die heutige materielle liberal-kapitalistische Basis der Gesellschaft widerspricht einfach der natürlichen Glücksvorstellung der Menschen, welche direkt von innen nach außen kommt, und nicht Mill es sagt, dass er von der äußerlichen Warenwelt gegeben wird. Da Mill den Glück unfrei von Ware vorstellt, kann der Mensch eigentlich nicht wirklich frei sein. Nicht die Warenwelt, sondern der Glück selbst kann ein Bestandteil des Motivs der Freiheit sein.

4- Ich akzeptiere den Gedanke auch nicht, dass Freiheit ein System von reinen Prinzipien sei. In einer Welt, in der Freiheit problematisch ist, braucht man eine Moraldynamik, die die Freiheit und den Glück katalysiert. In einer kapitalistischen Gesellschaft wird aber Freiheit immer in Gefahr, weil es immer eine äußerliche Kontrolle auf Menschen vorhanden sein würde. Wenn es Macht gibt, dann wird das Individuum von einem äußerlichen Mechanismus bedroht. Weil Freiheit im kapitalistischen Marktzustand einen problematischen oder widersprüchlichen Inhalt besitzt, braucht man ein autoritäres Kontrollensystem, das die Gesellschaft von außen nach innen durch moralische oder rechtliche Gebote und Verbote reguliert.

Im Endeffekt gibt es eine marktwirtschaftliche Autorität. Prinzipien in der millschen Philosophie sind nur Katalysatoren. Sie sind Systembestandteile, die das ganze System katalysieren, damit das System der Warenproduktion sich selbst herstellt. Wenn wir ein System brauchen, dann brauchen wir es für uns und nicht ein System an sich. Nicht das Individuum dem System, sondern das System soll dem Individuum dienen. Bei Mill liegt der Widerspruch darin, dass die Hauptsache nicht der Mensch, sondern die Systemherstellung selbst ist.

5- Um vom System unabhängig zu sein, müssen wir zuerst auch ohne Prinzipien Urteile machen können. Das heißt, dass wir Prinzipien zum Hintergrund abschieben und unsere Eigenheit oder Selbstständigkeit und individuelle Autonomie hervorbringen sollen. Sonst werden wir abhängig und unfrei vom System und von dessen Prinzipien. Ein System, das auf apriorische Prinzipien beruht, ist von seiner Natur her dogmatisch und man hat keine legitime praktische Möglichkeit, sie zu kritisieren oder zu verändern. Unser Lebenswelt, die Begriffe wie Freiheit oder Glück besitzen aber zeitlich und persönlich subjektive und veränderliche Charaktere. In diesem Sinne sind dogmatische und rein stabile Vorstellungen über kontinuierlich veränderliche Welt nicht nur bedeutungslos und widersprüchlich, sondern auch gefährlich.

6- Mill hat einige Probleme mit Sozialismustheorie, weil er das kommunistische Ideal teilweise bejaht, weil man damit eine universelle Gerechtigkeit und einen allgemeinen Frieden bezweckt. „Es scheint mir aber nichts anders möglich, als dass die Zunahme der geistigen Fähigkeiten, der Bildung und der Liebe zur Unabhängigkeit bei den arbeitenden Klassen von einem entsprechenden Wachstum des gesunden Sinnes begleitet sein muss[…]“13

Aber praktisch lehnt er Sozialismus, weil die Produktionsmethoden der sozialistischen Wirtschaft nicht so effektiv sind wie Kapitalismus. Er schwankt zwischen idealistischem Sozialismus und pragmatischem Kapitalismus und fügt noch zu: „Sie (Sozialisten) vergessen, dass überall wo es keine Konkurrenz gibt, ein Monopol besteht, und dass ein Monopol in allen Formen eine Steuer auf die Erwerbstätigkeit zugunsten der Untätigkeit oder gar der Raubgier ist. Sie vergessen ferner, dass mit Ausnahme der Konkurrenz unter den Arbeitern insofern dienlich ist, als sie ihre Verbrauchsgegenstände verbilligt; dass Konkurrenz selbst auf dem Arbeitsmarkt nicht die Ursache eines niedrigen, sondern eines hohen Arbeitslohnes überall dort ist, wo der Wettbewerb in der Nachfrage nach Arbeit den Wettbewerb im Angebot der Arbeit übersteigt, wie in Amerika, in den Kolonien und in Gewerben mit gelernten Arbeitskräften; sie vergessen ferner, dass sie niemals einen Grund niedrigen Lohnes abgeben kann, es sei denn durch Überfüllung des Arbeitsmarktes infolge einer zu großen Zahl von Arbeiterfamilien; umgekehrt kann, wenn das Angebot an Arbeitskräften zu stark ist, auch der Sozialismus eine niedrige Entlohnung nicht verhindern. Im Übrigen wird, wenn das Genossenschaftswesen sich allgemeiner ausbreitet, kein Wettbewerb unter Arbeitern bestehen, und die Konkurrenz zwischen den Genossenschaften würde zugunsten der Verbraucher, d.h. zugunsten der Genossenschaften und der erwerbstätigen Klassen überhaupt wirken.“14. Mill´s hauptsächliches Missverständnis über Sozialismus beziehungsweise Kommunismus liegt darin, dass er diese Ideologie als eine Art von Sozialpolitik versteht, die auf Marktwirtschaft basiert.15 Weil Mill sehr pragmatisch und utilitaristisch denkt, kategorisiert er Sozialismus wegen seinen schlechten marktwirtschaftlichen Konsequenzen nicht anwendbar: „Der Schutz gegen Konkurrenz ist ein Schutz der Faulheit und der geistigen Trägheit […]“16

Er kann sich aber davon nicht zurückhalten, dem pessimistischen Ergebnis zu gelangen, dass Arbeiterklasse seine Eigenheit gegen Kapitalisten gewinnen wird: „[…] die arbeitenden Klassen werden noch weniger als heute gewillt sein, sich nur von dem Ansehen und dem äußeren Schein der vornehmeren Klassen auf den von ihnen einzuschlagenden Wegen leiten und führen zu lassen. Wenn sie schon jetzt keine ehrerbietige Scheu und religiösen Gehorsam besitzen, die sie in geistiger Hörigkeit gegenüber einer über ihnen stehenden Klasse festhalten könnten, so werden sie sie in Zukunft weniger haben. Die Schutz- und Abhängigkeitstheorie wird ihnen mehr und mehr unerträglich sein, und sie werden fordern, dass ihr Verhalten und ihre Lebensbedingungen im wesentlichen von ihnen selbst bestimmt werden. Es ist gleichzeitig wohl möglich, dass sie in manchen Fällen die Einmischung der Gesetzgebung in ihre Angelegenheiten und die gesetzliche Regelung verschiedener sie betreffender Verhältnisse fordern, wobei sie dann oft ihr Selbstinteresse falsch verstehen werden.“

 

4. Schluss

 

Mill´s Verständnis über politische Ökonomie und Philosophie ist natürlich ein Produkt seiner Zeit in dem Sinne, dass er versucht, Grundlagen der herrschende und sich entwickelnde kapitalistische Ideologie zu systematisieren und aufwendig zu machen. Die herrschende Ideologie im angelsächsischen Gebiet war auf Erhöhung von Profit, Wohlfahrt und Warenproduktion orientiert und der Überbau dieser ökonomischen Basis war die Thesen über die Freiheit wie Mill´s Buch On Liberty. Deswegen hatte die liberalistische Philosophie eine sehr treffliche instrumentelle Rolle bei der Konstitution des ganzen liberal-kapitalistischen Systems.

Wegen ökonomischen und sozialen Dimension der millschen Philosophie habe ich Mill in diesen zwei Richtungen wiedergegeben und kritisiert: Eine Freiheit im Überbau ist ohne eine ökonomische Freiheit im liberalistischen Markt unmöglich. Die Natur des Liberalismus ist nicht auf die Freiheit der menschlichen Existenz, sondern auf die freie Zirkulation des Geldes innerhalb der ganzen Gesellschaft ausgerichtet. Um die Freiheit im Überbau zu verwirklichen, muss man zuerst das Individuum vom liberalistischen Markt, also vom Kapitalismus befreien und dann den Staat abschaffen. Es geht bei Mill nicht um Abschaffung der ganzen Macht in der Gesellschaft, sondern Verschiebung der Macht vom Staat zum Markt und ich kritisiere diese Auffassung, weil ich in der Meinung bin, dass wir die Freiheit und den universellen Glück nur dann erreichen können, wenn wir die sowohl staatliche als auch die marktwirtschaftliche Macht vernichten können.

 

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

 

  1. Gräfrath, Bernd; John Stuart Mill >Über die Freiheit<; Paderborn; 1992; Verlag Ferdinand Schöningh

  2. Mill, John Stuart; On Liberty; London; 1985; Penguin Books

  3. Mill, John Stuart; Über die Freiheit; Stuttgart; 1991; Reclam

  4. Mill, John Stuart; Utilitarism/Utilitarismus; Stuttgart; 2006; Reclam

  5. Mill, John Stuart; Grundsätze der politischen Ökonomie; Band 1 und 2; Jena; 1921; Verlag von Gustav Fischer

1 Mir ist bewusst, dass es riskant wäre, die Arbeit in einer unklassischen Form zu strukturieren, aber ich bin der Meinung, dass diese Schreibweise die ist, die meiner Kritik an Liberalismusphilosophie am besten passt. Ich werde hier versuchen, zuerst die Argumente von Mill auszustellen und dann sie zu bearbeiten und am Schluss sie zu kritisieren. Ich werde von außen nach innen, vom Bild zum Inhalt „archäologisch“, aber auch dialektisch eingehen.

2 Mill, John Stuart; On Liberty; London; 1985; Penguin Books; s: 59

3 Ebenda; s: 59-60

4 Ebenda; s: 60

5 Dass „harm“ ein „principle“ ist, kommen wir dazu später.

6 Siehe; ebenda; Chapter II und Chapter IV

7 Siehe; Gräfrath, Bernd; John Stuart Mill >Über die Freiheit<; Paderborn; 1992; Verlag Ferdinand Schöningh

8

9 Mill, John Stuart; Über die Freiheit; Stuttgart; 1991; Reclam; s: 144-146

10 Siehe: ebenda; Drittes Kapitel

11 Mit Glück meint er nicht nur Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse, sondern auch Befriedigung gesellschaftlicher oder ökonomischer Interessen.

12 Mill, John Stuart; Utilitarianism/ Der Utilitarismus; Stuttgart; 2006; Reclam; s: 16

13 Mill, John Stuart; Grundsätze der politischen Ökonomie; Zweiter Band; Jena; 1921; Verlag von Gustav Fischer; s: 406

14 Ebenda; s: 451-452

15 Ein Grund dafür, dass er Sozialismus nicht als eine totale Gesellschaftsformation, sondern als eine Sozialpolitik versteht, wäre, dass dieses Thema von früheren utopischen Sozialisten wie Charles Fourier oder Thomas von Aquin erst diskutiert wurde und Karl Marx noch nicht so bekannt war wie die früheren Theoretiker.

16 Ebenda; s: 454

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